Metanavigation / Stadtporträt deu
Mittwoch, 13.12.2017 3°C

Schnellnavigation / Service

Schnellsuche

 

Weitere Informationen

Service

Die besondere Archivalie: ASA Externa Batavica 127

Hansekontor zu kaufen! Glanz und Niedergang des Oosterschen Hauses in Antwerpen

von Dagmar Hemmie

Vente publique!“ – „Public sale!“ – „Öffentlicher Verkauf“! So riefen im Jahre 1860 farbige Plakate und Annoncen in großen Lettern und ansprechenden Abbildungen Kaufinteressenten für das letzte noch existierende der ehemals vier großen Hansekontore in Novgorod, Bergen, London und Antwerpen herbei.

Der langwierige Prozess dieses Verkaufes und die Begleitumstände, welche die Hansestädte Lübeck, Hamburg und Bremen letztendlich dazu bewogen, ihre über zwei Jahrhunderte hinweg zum Wohle des Deutschen Kaufmanns gemeinschaftlich verwaltete Immobilie, das sogenannte „Oostersche Haus“ im flandrischen Antwerpen, zu veräußern, lässt sich nun erstmals wieder anhand der 2012 neu zugänglichen, kriegsbedingt ausgelagert gewesenen 12 Regalmeter umfassende Batavica-Akten (Niederlande und Flandern betreffendes Schriftgut) im Archiv der Hansestadt Lübeck genau nachvollziehen.

Ursprünglich in Brügge angesiedelt, wurden Mitte des 16. Jahrhunderts die Stimmen jener immer lauter, maßgeblich die des hansischen Syndikus Sudermann, die eine Verlegung des hansischen Kontors und die Errichtung einer größeren, repräsentativen Residenz forderten. Mit Vertrag vom 20.10.1563 übertrug die Stadt Antwerpen den Hansestädten ein Grundstück am Rande der Neustadt samt Eigentumsrechten an einem zu planenden Neubau und anteiliger Übernahme der Baukosten in Höhe von 30.000 Karolsgulden. Der daraufhin nach den Plänen des Architekten Cornelis de Vries innerhalb von vier Jahren errichtete Bau – er wurde 1568 fertig gestellt – kostete schließlich rund 1.400.000 Karolsgulden.

Einen hervorragenden Eindruck von der Pracht und den Dimensionen der neuen Residenz bietet eine unter den neuverzeichneten Unterlagen des Lübecker Archivs befindliche, handkolorierte Zeichnung des Kontors von Kaisser aus den 1760er Jahren:

Das neue Antwerpener Kontor wurde tatsächlich der größte hansische Profanbau aller Zeiten und erstreckte sich über die riesige Fläche von 5.000 m² mit einer Fassadenlänge von über 80 Metern. Seine Räume beherbergten eine Unzahl an kleineren Magazinen, Warenlagern, Kellern und Wohnräumen.

Schon vor Baubeginn des Hauses zeichnete sich allerdings ab, dass die Hanse als Organisation ihren Zenit längst überschritten hatte – der letzte Hansetag fand 1669 statt – und dass der riesige Prachtbau nie die horrenden Investitionskosten würde einspielen können, die er verschlang. Für die weitere Entwicklung und Bedürfnisse des Handels überdimensioniert und unzeitgemäß, zeitweilig als Garnisonsquartier und Lazarett „missbraucht“, erzielte das Oostersche Haus in späteren Jahren nie mehr die Mieteinnahmen, welche für die Pflege und Instandhaltung eines solchen Prachtbaus notwendig gewesen wären. Kriege, Handelshemmnisse und Verlagerung von Handelsströmen taten ihr Übriges. Nachdem die Hansestädte im Jahre 1852 ihr Londoner Kontor, den Stalhof, erfolgreich verkauft hatten, fielen auch alle moralischen Schranken und Bedenken hinsichtlich der Veräußerung der Antwerpener Residenz, welche ohne die Wiederöffnung des wichtigen Scheldeflusses ohnehin mögte ein verfallener Steinhaufen seyn, da schwerlich ohnedem die Hansestädte neues Geld zugegeben haben würden (Plessing 1819). Ein aufwändiger Verkaufkatalog wurde im Jahre 1860 erstellt, die Hansestädte einigten sich auf ein Verkaufslimitum von 1.200.000 Francs in öffentlicher Auktion. Allein: Selbst für einen günstigeren Verkauf unter der Hand fand sich kein Käufer! Schlussendlich ging das einst stolze Zeichen hansischer Größe für 1.000.000 Francs gegen die Ablöse des Scheldezolls 1863 an die Belgische Regierung über. Nach einem Umbau zu einem Getreidespeicher fiel das einstige Hansekontor 1893 einem Brand zum Opfer.

Mit dem Verkauf des Antwerpener Hauses 1863 schloss sich das Kapitel der einstigen Hansekontore, das Kapitel der Hanseatischen Konsulate hingegen wurde gerade erst aufgeschlagen.